Dr. Schmitz & Partner – Hauspostille - Schlaglichter aus dem Leben der Berliner Strafverteidiger und Berichtenswertes aus Sicht eines Anwaltes

Gedanken für die neue Woche 6

Sollte ich bestimmen, was ich persönlich unter Religiosität verstehe, so würde ich sagen: sie ist Aufmerksamkeit und Gehorsam; Aufmerksamkeit auf innere Veränderungen der Welt, auf den Wechsel im Bilde der Wahrheit und des Rechten; Gehorsam, der nicht säumt, Leben und Wirklichkeit diesen Veränderungen, diesem Wechsel anzupassen und so dem Geiste gerecht zu werden. In Sünde leben heißt gegen den Geist leben, aus Unaufmerksamkeit und Ungehorsam am Veralteten, Rückständigen festhalten und fortfahren, darin zu leben.

Die ›Gottessorge‹ ist die Besorgnis, das, was einmal das Rechte war, es aber nicht mehr ist, noch immer für das Rechte zu halten und ihm anachronistischerweise nachzuleben; sie ist das fromme Feingefühl für das Verworfene, Veraltete, innerlich Überschrittene, das unmöglich, skandalös oder, in der Sprache Israels, ein ›Greuel‹ geworden ist. Sie ist das intelligente Lauschen auf das, was der Weltgeist will, auf die neue Wahrheit und Notwendigkeit, und ein besonderer, religiöser Begriff der Dummheit ergibt sich dabei: die Gottesdummheit, die diese Sorge nicht kennt oder ihr so täppisch Rechnung trägt wie das geschwisterliche Elternpaar Potiphars, das die Mannheit des Sohnes dem Lichte opfert. Ein Gottesdummkopf ist Laban, der noch glaubt, sein Söhnchen schlachten und im Fundament seines Hauses beisetzen zu sollen, was einmal ganz segensreich war, aber aufgehört hat, es zu sein. Das eigentliche und ursprüngliche Opfer war Menschenopfer. Wann kam der Augenblick, wo es zum Greuel und zur Dummheit wurde? Die Genesis hält ihn fest, diesen Augenblick, im Bilde des verwehrten Isaak-Opfers, der Substituierung des Tieres. Hier löst sich ein in Gott fortgeschrittener Mensch von überständigem Brauch, von dem, worüber Gott mit uns hinauswill und schon hinaus ist. Frömmigkeit ist eine Art Klugheit, sie ist Gottesklugheit.
[1]

  1. [1]Thomas Mann, „Joseph und seine Brüder“, Ein Vortrag (aus „Thomas Mann: Rede und Antwort“) S. Fischer, 1984

Kategorie: Allgemein Geschrieben: Montag, 19.11.2012 um 20:03 von | Comments (4)

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4 Kommentare

  1. Reaktion von Jan:

    Darf ich also folgern, dass die Katholische Kirche nicht religiös ist? ^^
    😉

    19. November 2012 @ 20:15
  2. Reaktion von RA Jede:

    Vorurteile? Danke für die Vorlage!
    http://www.kath.de/kurs/kg/
    Oder das Standardwerk: Franzen, Kleine Kirchengeschichte
    Oder zum richtig einsteigen: Die sämtlichen Texte des Zweiten Vaticanums

    19. November 2012 @ 20:25
  3. Reaktion von Jan:

    Die Betonung liegt auf „ist“.
    Klar, dass sich die Kirche im Laufe ihrer Geschichte verändert und angepasst hat. Aber tut sie das jetzt noch? Passt sie ihre Arbeit und ihre Ratschläge den Bedürfnissen der Zeit an? Oder hat sie sich längst in die platonischen (oder meinetwegen augustinischen) Grundlagen ihrer Dogmatik geflüchtet, wonach es eine universelle Idee des Guten gibt, die von den weltlichen Realitäten unabhängig ist und der die kirchliche Lehre per definitionem entspricht?

    Man kann auch anders an die Sache herangehen: Steht die Kirche überhaupt noch unter Veränderungsdruck oder ist sie gesellschaftlich bereits so irrelevant geworden, dass es gleichgültig ist, ob sie sich anpasst oder nicht, weil sich selbst die Gläubigen nur noch diejenigen Häppchen aus ihrer Lehre herauspicken, die ihnen gerade am besten gefallen?

    19. November 2012 @ 20:58
  4. Reaktion von RA Jede:

    Täte die Kirche gut daran, sich dogmatisch den Bedürfnissen der Zeit anzupassen, beliebig zu sein?

    Daß sie ihre Arbeit und Ratschläge den Bedürfnissen der Zeit anpasst wird allein schon durch die innerkirchlichen Diskussionen belegt. Wer die letzten Enzyklika gelesen hat kann auch feststellen, daß die Fragen der Zeit die Kirche bewegen und Antworten gesucht werden.

    Was heißt Flucht in die Dogmatik? Ich denke, es ist ein sinnleeres Schlagwort. „Ich glaube!“ ist nicht verifizierbar, nicht dem Diskurs zugänglich.

    Die Kirche stand und steht stets unter Veränderungsdruck, das wird man wohl kaum bestreiten können, das ist historisch belegbar, wie sonst wohl selten.

    Ist Kirche gesellschaftlich relevant? Wenn nein, ist das nur wünschenswert oder sollte die Kirche im Bestreben, gesellschaftlich relevant zu sein, Essentialita aufgeben?

    Darf die Kirche, um in den Augen der Gesellschaft (zumindest derjenigen, die Meinungen machen und die Macht der Kommunikationsmittel innehaben) relevant zu sein, beispielsweise die Würde des Menschen relativieren? Auf Glaubenssätze verzichten, um einem (zweifelhaften, zumindest bestrittenen) Zeitgeist zu entsprechen?

    Was heißt es konkret, wenn die Kirche sich anpassen soll?

    Ich wäre unglücklich, lebte ich in einer Kirche, die sich beispielsweise in Glaubensdingen anpassen will.

    Jan, so einfach ist das nicht. So schnell kann nicht gedacht und vor allem: geurteilt werden!

    22. November 2012 @ 12:03
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